Das absichtlich vergessene Gesetz

Die Magna Carta ist weltbekannt, wird gefeiert als Grundlage des heutigen Rechtsstaats in Großbritannien und den USA. Was kaum jemand weiß: Fast gleichzeitig, nämlich 1217, unterzeichnete der englische König Heinrich III. ein zweites Papier: genannt Charter of the Forest, die Charta des Waldes. In ihr ging es nicht um Rechtswesen und Politik, sondern um die Landwirtschaft: Die Charta des Waldes erlaubte einfachen Menschen, ungestraft auf den Ländereien der Krone Holz zu sammeln, Vieh zu weiden und Fische zu fangen.

Zwar waren damals die meisten Menschen Leibeigene, die von dieser Freiheit kaum profitierten. Und doch steckte hinter der Charta des Waldes eine interessante Idee: Dass Menschen ohne Bezahlung Güter gemeinsam nutzen können, die niemandem allein, also privat gehören. Über Jahrhunderte funktionierte das. Habsucht spielte kaum eine Rolle. Die lokale Bevölkerung verwaltete die Allmenden ohne Eingriffe des Staates oder der privaten Wirtschaft.

Doch dann kamen der Kapitalismus und die Großgrundbesitzer. Ab 1600 umzäunten sie immer größere Teile des zuvor gemeinsam genutzten Landes. Das Ergebnis: schöne Profite und verarmte Kleinbauern. Die Charta des Waldes interessierte da keinen mehr. Sie geriet in Vergessenheit. Ihre letzten Bestimmungen wurden 1971 offiziell abgeschafft, mehr als 750 Jahre nach Inkrafttreten. Gemeinsam genutzte Güter gibt es heute nirgendwo in Europa mehr, ausser vereinzelt in den Alpen. Das Land ist aufgeteilt, privatisiert, die Kauf- und Pacht-Preise pro Hektar steigen immer weiter, es wird geschachert, der Profit zählt. Genau so, wie es in der Charta des Waldes nicht geschrieben stand.

Die Magna Carta hat Wikipedia-Einträge in 79 Sprachen. Die Charta des Waldes, die zum Zeitpunkt ihrer Entstehung als genauso wichtig galt, hat drei, in Englisch, Suomi und Ukrainisch, keinen in Deutsch. Wozu sollte man derart veraltete Ideen auch im Bewusstsein der Menschheit halten?