NSU: Sechster Zeuge tot

Sie war eine Bekannte von Zschäpe, Bönhardt und Mundlos und sollte jetzt vor dem NSU-Untersuchungsausschuss im Stuttgarter Landtag aussagen. Doch daraus wird nichts: Die Zeugin ist am 2. Februar 2017 verstorben, mit 46 Jahren. Die Todesursache ist unbekannt und wird wohl nie ermittelt werden.

Die Liste der toten NSU-Zeugen wird damit immer länger.

Am 25. Januar 2009, noch vor der Aufdeckung des Terror-Trios, verbrennt Arthur C. (18) bei Heilbronn in seinem Auto. Seine Leiche liegt neben dem Wagen. Der Russlanddeutsche taucht mehrfach in den NSU-Ermittlungsakten auf und hat große Ähnlichkeit mit einem Phantombild, das nach dem Mord an Polizistin Michèle Kiesewetter 2007 angefertigt wird. Ob er ermordet wurde oder sich selbst getötet hat – die Ermittler wissen oder sagen es bis heute nicht.

Am 16. September 2013 will der frühere Neonazi Florian H. (21) bei den Ermittlern auspacken. Doch dazu kommt es nicht: Er verbrennt morgens um 9 Uhr auf einem Festgelände in Heilbronn in seinem Auto, in seinem Blut ein tödlicher Medikamentenmix. Der Ort seines Todes liegt nur hundert Meter Luftlinie von LKA und Verfassungsschutz entfernt. Todesursache, laut Staatsanwaltschaft: Suizid.

Am 7. April 2014 wird Thomas R. (39) kurz vor einer geplanten Vernehmung tot in seiner Wohnung entdeckt. Todesursache: ein „komatöser Zuckerschock“ (Gutachter) wegen einer unentdeckten Diabetes-Erkrankung. R. war als V-Mann „Corelli“ in der rechten Szene unterwegs. Schon 2005 soll er dem Bundesamt für Verfassungsschutz eine CD mit der Aufschrift „NSDAP/NSU“ übergeben haben.

Am 28. März 2015 liegt Melissa M. (20) mit krampfartigen Zuckungen in ihrer Wohnung in Kraichtal bei Karlsruhe. Todesursache laut Obduktion: eine Lungenembolie, hervorgerufen durch ein Blutgerinsel im Knie, erlitten bei einem Motorradunfall eine Woche zuvor. Vier Wochen vorher hatte sie nichtöffentlich im NSU-Untersuchungsausschuss in Stuttgart ausgesagt. M. war die Freundin des 2013 verstorbenen Zeugen Florian H. (siehe oben). Gefunden wurde sie von ihrem Lebensgefährten Sascha W. (31).

Der stirbt am 8. Februar 2016 in der gleichen Wohnung wie seine Ex-Freundin Melissa M. in Kraichtal. Wegen zweier Abschiedsnachrichten geht die Staatsanwaltschaft Karlsruhe von Suizid aus. Was in den Nachrichten stand und wie W. ums Leben kam, ist unbekannt. Auch W. war in der Neonazi-Szene im Südwesten aktiv gewesen.

Und jetzt – der sechste Todesfall. Auch diesmal unter merkwürdigen Umständen. Am 8. Februar um 10:20 Uhr erfährt der Vorsitzende des NSU-Untersuchungsausschusses im Stuttgarter Landtag, dass die Frau noch am gleichen Tag eingeäschert werden soll. Er versucht sofort, das zu verhindern, um die Todesursache später aufklären zu können. Zu spät: Die Zeugin ist bereits eingeäschert. Kann ja mal vorkommen.